Das Verbot in der Getreidegasse

Ein lauwarmer Nachmittag im Juli. Die orangefarbene Sonne wird immer orangefarbener und befindet sich im Sinkflug. Als würde sie ahnen was der Tag heute noch bringen würde ergreift sie die Flucht hinter die Berge. Sie hat durch mein Fenster geschaut. Sie hat auf dem Blatt Papier vor mir meine Absichten gelesen. Der darauf folgende Respekt – um nicht zu sagen die Angst – ist nur eine natürlich Reaktion. Ab heute wird alles anders werden.

Es ist Zeit. Ich lege den Stift weg und den Abschiedsbrief so hin dass meine Freundin ihn findet. Sie wird alleine sein, das tut mir Leid. Würde es eine Alternative geben würde ich sie wählen. Nein, das ist gelogen. Ich würde alles genau so machen wie jetzt. Schließlich ist das Bestimmung, oder so.

Der letzte Weg zum Kleiderschrank. Mit sicherer Hand greife ich die frischesten Teile aus meiner Sammlung, heute muss alles passen. Wenn sie mich festnehmen will ich schließlich gut aussehen auf den Titelbildern der Zeitungen. Mit Kappe und Jacke bebt der Spiegel der mein Outfit reflektieren muss. Jetzt noch ordentlich Bodyspray aufgetragen. Nicht für die anderen, sondern für mich. Schließlich wird der Gestank meiner Opfer intensiv. Das passende Schuhwerk steht schon längst bereit; die Sportschuhe von Adidas empfangen meine Füße wie alte Freunde.

Das Outfit passt, aber es fehlt noch das wichtigste. Ich nehme meine Sporttasche in die Hand und spüre das wohlvertraute Gewicht in ihr. Es ist angerichtet. Ich verlasse die Wohnung, aus Gewohnheit mit dem 3-Taschen-Check. Doch Handy, Schlüssel und Geldbörse brauche ich nicht mehr. Das wird keinen Sinn mehr haben wenn ich fertig bin. Nichts mehr wird so sein wie früher.

Der Busfahrer lächelt grimmig als er mich einsteigen sieht. „Na, heute ist’s soweit was?“. Ich nicke, denn für Worte will ich meine Energie nicht verschwenden. Mein Zielort ist die Getreidegasse. Als ich aussteige und die letzten Meter von der Haltestelle zu Fuß gehe fühle ich Nervosität. Deswegen hebe ich im Gehen nochmals leicht die Tasche an. Ihre Schwere beruhigt mich. Die Sonne scheint jetzt noch schneller unterzugehen zu wollen. Doch sie wird es nicht schaffen. Sie und alle Menschen hier werden Zeugen sein die nie wieder vergessen.

Und plötzlich stehen wir uns gegenüber. 8 ebenso frisch gekleidete Menschen wie ich selbst haben einen Halbkreis um mich gebildet und starren mich wortlos an. Zu acht? Das volle Aufgebot. Direkt vor mir steht ihr Anführer, ebenfalls mit einer Sporttasche in der Hand. Er starrt mir in die Augen, ich starre zurück. Heute schenkt niemand irgendetwas. Die Gruppe geht ein paar Schritte zurück und stellt sich in einer Linie auf. Mittlerweile haben auch die Menschen in der Getreidegasse verstanden dass hier etwas passieren wird und nur noch die Mutigen oder die Dummen bleiben und sehen zu. Alle anderen haben die Flucht ergriffen, wissend dass die Polizei nicht rechtzeitig hier sein wird.

Der Anführer stellt die Tasche auf den Boden. Er öffnet den Reißverschluss und stülpt den Nylonstoff nach unten. Das weiß-graue Metall kommt zum Vorschein und die Abnützungserscheinungen zeugen von der Erfahrung. Eine Corbox Boombox. Und mit dem Knopfdruck auf Play fängt die Kassette im Inneren an sich zu drehen. Der Bass trifft mich, nicht unerwartet in seinem Vorhandensein, sondern in seiner derben Intensität. Doch ich weiche nicht zurück. Auch nicht als jeder meiner acht Kontrahenten in perfekter Synchronisation mir die fettesten Moves entgegentanzt. Die ahnungslosen Zuschauer fangen an zu schreien und zu klatschen, sie sind hypnotisiert und im Bann ihrer Performance.

Doch ich fühle nichts. Jeder ihrer Versuche mich zu flashen prallt an mir ab, ich bin ein Fels in einem Meer aus Drehungen und Schritten, geschliffen von Jahrzehnten gefüllt mit Beats und Rhymes. Es reicht mir jetzt.

Ich mache meine eigene Sporttasche auf und enthülle meine LASONIC in ihrer ganzen schwarzen Pracht. Ich drücke auf Play. Schallwellen der dritten Art überfluten die Gassen Salzburgs und zwingen die Fensterscheiben nach kurzem Widerstand zum Zerbersten. Selbst die Boombox des Gegners bemerkt die Sinnlosigkeit und quittiert ihren Dienst. In mir brechen alle Dämme und in meinen Venen fließt purer Style. Es ist angerichtet, und ich nehme bedingungslos vom Bankett der krassen Moves. All die hypnotisierten Schaulustigen realisieren in welcher Gefahr sie sind als sie sich das Blut unter der Nase wegwischen, nur um kurz darauf in Ohnmacht zu fallen. Es ist zu viel für den gewöhnlichen Verstand. Wie ein moderner Derwisch tanze ich mich in Extase. Ich bin unaufhaltbar!

Plötzlich spüre ich einen Stich in meinem Rücken. Egal, ich tanze weiter. Ein zweiter, ein dritter Stich! Und ich fühle meine Energie schwinden. Sie haben mich also gekriegt, die Bullen. Ich fühle drei Dartpfeile in meinem Kreuz und mein Körper wird schwer. Mit letzten Kräften drehe ich mich herum um das Werk meiner Session zu bewundern. Eine Durcheinander aus Glasscherben und zur Besinnungslosigkeit gestylten Menschen. Unter ihnen meine Gegner. Sie haben würdig gekämpft. Doch mein letztes Hurra an die Menschheit war zu viel. Ich sacke zusammen und bleibe reglos auf dem Boden liegen.

Und seitdem herrscht Battleverbot in Salzburg.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*