Er ist wieder da – Review

Jeder lacht über Hitler-, Nazi- und Dritte Reich Witze. Das ist auch in Ordnung so. Humor ist eine Form der Aufarbeitung. „Er ist wieder da“ – und mit Er ist Adolf Hitler gemeint – ist aber eine ganz besondere Prägung der Vergangenheitsbewältigung. Er ist einer der unlustigsten Filme die es gibt. Und das ist sehr gut.

Wie im gleichnamigen und als Vorlage dienenden Buch wacht Hitler plötzlich in einem Gestrüpp in Berlin der Jetztzeit auf. In grauer Uniform liegt er da, selbst verwirrt über sein Wiederauferstehen. Während er sich langsam aufrafft und sich orientiert wird er vom Loser-Fernsehmacher Fabian Sawatzki zufällig im Hintergrund gefilmt.

Während Hitler in einem Zeitungskiosk Zuflucht findet wird Sawatzki von seinem schmierigen Boss Sensenbrink (Hallo Herr Stromberg!) rausgeworfen. Zu Hause, wo er mit seiner Mutter gemeinsam wohnt, sieht er sich das zuvor gefilmte Videomaterial durch. Auf der Suche nach dem Knüller sieht Frau Mama Hitler im Hintergrund aufstehen. Da kommt ihm die Idee: Eine Tour-Serie mit Hitler durch Deutschland! Schließlich spürt Sawatzki Hitler im Kiosk auf und unterbreitet ihm seine Serienidee.

Führer on Tour durch Deutschland

Führer on Tour durch Deutschland

Hitler, angelockt von der Aussicht auf Propaganda, stimmt zu und beide machen sich auf den Weg durch Deutschland. Dabei besuchen sie Orte von Nord- bis Süddeutschland. Masucci als Hitler führt dabei ungeskriptete Gespräche mit Einheimischen. Er spielt seine Rolle, seine Gesprächspartner nicht. Die Bandbreite an gezeigten Reaktionen ist dabei groß. Von „Ich bin kein Rassist, aber…“ über „Früher war nicht alles schlecht!“ bis hin zu „Nein ich finde das nicht gut das sie hier als Hitler rumlaufen.“

Während seiner Deutschland Tour geht Hitler viral im Internet und landet Millionen Hits auf Youtube. Da wittert Sawatzki seine Chance und stellt seinem ehemaligen Arbeitgeber das Konzept vor. Die Vorständin des Senders verfällt dem Charme des Führers und schließlich endet er als großer Hit im Fernsehen. Damit beginnt der Auftritt Hitlers auf der großen Volksbühne. Wo die Verbreitung von rechtem Gedankengut ok ist, bis derjenige der sie verbreitet einen kleinen Hund erschießt. Dann ist es nicht mehr ok.

Ich habe weder das Buch vorher gelesen noch bin ich großer Fan deutscher „Comedians“. Deswegen war der Film bisher auch nicht auf meinem Radar. Doch jetzt bin ich froh ihn gesehen zu haben, denn eine dermaßen krasse Talfahrt meiner Stimmung habe ich im Kinosessel noch selten erlebt. Wir sehen die Situation aus Sawatzkis Perspektive. Wir finden Hitler anfangs sehr lustig. Wie er sich im Deutschland 2014 verwirrt umblickt und denkt die Osmanen hätten den Krieg gedreht. Wie er meint die Grünen seien die beste Partei denn Umweltschutz ist „Dienst am Vaterland“. Und hey, selbst Jörg Haider bekommt einen kleinen Einschub!

Hitler im Gespräch mit einem etwas verwirrten NPD Mitglied

Hitler im Gespräch mit einem etwas verwirrten NPD Mitglied

Bis dahin ist alles sehr komisch. Selbst die echten Leute, welche die oben erwähnten Aussagen machen, wirken wie Randfiguren und außerhalb des gesunden Menschenverstandes. Also schenken wir ihnen mit einem geringschätzenden Lächeln gebührende Beachtung. Der Moment als der Ton sich ändert kommt bei Hitlers erstem Fernsehauftritt. Während einer Comedyshow wird er als Extra gebracht. Die Leute lachen. Hitler starrt schweigend in die Menge. Die Leute werden unruhig und murmeln. Hitler schweigt. Jetzt beginnen auch die Leute zu schweigen. Alles ist still, bis Hitler mit seiner Rede beginnt. Es klingt echt. Zu echt. Er fragt was mit seinem Deutschland denn passiert sei, warum denn im Fernsehen „nur noch Schmarrn“ zu sehen ist. Dass es unter ihm keine Arbeitslosigkeit gegen hat. Er spricht wie das Original. Die Menge ist verunsichert, es wird nervös geschmunzelt. Wo ist die erlösende Punchline des Witzes? Es ist doch ein Witz oder?

„Es ist 20:45. Seit 20:45 wird zurückgeschossen!“ Er erklärt dem Fernsehen den Krieg. Endlich. Der Witz. Erleichtertes Gelächter, begeistertes Klatschen der Zuschauer. Und auch Erleichterung bei mir. „Ach ja“, denkt man sich, „es ist ja immer noch nur Comedy! Weiter geht’s mit den Witzen.“ Nur kommen sie danach in einem Kontext der sie unangenehm macht. Hitler wird immer berühmter. Er bekommt Fans. Er setzt sich mit der NPD in Verbindung. Er rekrutiert über Facebook ein paar Neonazis für sein persönliches Gefolge. Am Ende fährt er im offenen Wagen mit Hitlergruß durch Deutschland, wo ihm die Passanten begeistert zurückgrüßen und ihm zuwinken. Einspielungen von rechten Bewegungen auf der ganzen Welt laufen zwischen den Credits. Zufrieden sind seine letzten Worte: „Damit kann ich arbeiten.“

 

Hitler entdeckt das Internet

Hitler entdeckt das Internet

Es gibt viele sehr mächtige Szenen in diesem Film. Die meiner Meinung nach stärkste möchte ich kurz schildern. Sawatzki beginnt mit der Sekretärin des Fernsehsenders zu gehen und deswegen landen er und Hitler im Laufe des Films an ihrer Türschwelle. Zuvor im Film lernten wir die Oma der Freundin kennen, sie sitzt im Rollstuhl und ist dement. Als Hitler das Zimmer betritt und die Großmutter begrüßt durschaut sie seine Fassade sofort und erkennt ihn als Original. Alle Schwäche ist aus Ihrem Körper gewichen und in ihren Augen abgrundtiefe Abscheu. „Raus!“ Sie schreit Hitler an. Mit einem Ausdruck im Gesicht der so glaubwürdig war dass mir die Gänsehaut über den Rücken lief.

Und so verließ ich das Kino mit einem unangenehmen Gefühl. Dieser Film wird mich lange beschäftigen, und dass ist wohl das beste was man über Sozialkritik sagen kann. Das Kunststück, einen Film zu liefern der in einer seltsam nahegehenden Rückkopplung im zweiten Teil sich selbst und die Zuschauer kritisiert, ist bemerkenswert. Die Grenzen zwischen ungeskripteten Gesprächen und den Drehbuchdialogen verschwimmen so sehr, dass man sich plötzlich fragt was echt und was Parodie ist. Aus Spaß wird Ernst, und als ich es bemerkte war es schon zu spät.

Ein wichtiger und hervorragender Film, der den Hitler Kult in die heutige Zeit bringt und näher an der Wahrheit ist als einem vielleicht lieb ist. Unbedingt ansehen!

 

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